Trend zur Individualisierung

Die Einheitsbestattung war einmal. Heute sind die Wünsche ganz unterschiedlich. Experte Martin Heier (48), Abteilungsleiter Friedhöfe beim Grünflächenamt der Stadt Heilbronn, gibt darüber Auskunft, wie individuell Bestattungen heute gestaltet werden können.

Trauer & Gedenken: Alternative Bestattungsformen nehmen zu, was sind die Gründe?

Martin Heier: Die allgemein wahrzunehmenden gesellschaftlichen Veränderungen stellen neue Anforderungen an die Friedhöfe und das Bestattungswesen. Merkmale neuer Bestattungsformen sind eine naturnahe oder gärtnerische Gestaltung, zentral ist hierbei die Entpflichtung der Angehörigen von der Grabpflege. 

Heilbronner Beispiele hierfür sind die „Gräber im Park“ auf dem Westfriedhof, die „Urnengräber an Historischen Grabstellen“ auf dem Hauptfriedhof, das im Bau befindliche „Kolumbarium im Buchenhain“ ebenfalls auf dem Westfriedhof und die Erdwiesengräber für Erdbestattungen auf dem Hauptfriedhof. Grundsätzlich spielt der Vorsorgecharakter eine große Rolle bei der Wahl der Bestattungsart. Im Zuge der Vorsorge können die finanziellen sowie die familiären Möglichkeiten und Wünsche für die Grabpflege und Gestaltung auf einander abgestimmt werden.



 

Trauer & Gedenken: Ist Gedenken ohne Grabstein oder individuellem Urnengrab möglich?

Heier: So individuell die Menschen sind, so vielgestaltig ist auch die Art des Trauerns und des Gedenkens. Selbstverständlich kann die Trauerarbeit auch bei einer Bestattung in einer Wiese ohne Namens-nennung gelingen. Wichtig ist, dass man sich zu Lebzeiten über die favorisierte Bestattungsart mit den Angehörigen ausgetauscht hat. Die vielen abgelegten Blumen, Gestecke und Lichter auf unseren „Gräbern im Park“ bezeugen eindrücklich, dass es ein großes Bedürfnis gibt, an den Ort der Trauer etwas von sich mitzubringen bzw. dazulassen.

Und dies obwohl sich die Angehörigen gerade bei dieser Grabform von der Grabpflege entledigen wollten. Doch ist dies schlichtweg ein persönlicher Ausdruck von Liebe, Verbundenheit, Gedenken und  Wertschätzung, wie er bei uns kulturell sehr stark verankert ist. Hier bewahrheitet sich die Redewendung: „Nicht immer ist das, was man sich wünscht, auch das, was man wirklich braucht.“

Trauer & Gedenken: Werden alternative Bestattungsformen zunehmen?

Heier: Aufgrund der generellen demographischen Veränderungen und des allgemeinen Wertewandels, gehen wir von einer weiteren Zunahme der alternativen Bestattungsformen aus. Wenn ein Angehöriger seebestattet wurde, fehlt ein Ort für die Trauer.

Trauer & Gedenken: Wird das später bereut?

Heier: Vom Heilbronner Krematorium wurden in der vergangenen Jahre lediglich 2-3 Urnen jährlich zur Seebestattung überführt, insofern sind auch Rückmeldungen von Angehörigen äußerst selten. In der Tat sind die wenigen Rückmeldungen überwiegend negativ im Sinne, dass das Meer unheimlich und bedrohlich wirke und der fassbare Ort der Trauer fehlt. Auch hierbei gilt der gute Rat, dass man sich zu Lebzeiten über die favorisierte Seebestattung mit den Angehörigen besprechen sollte.

Trauer & Gedenken: Welche Bestattungsformen nehmen zu? Welche werden seltener?

Heier: Im Jahr 2013 fanden auf den Heilbronn Friedhöfen insgesamt 1070 Bestattungen statt, bei 425 Erdbestattungen und 645 Urnenbeisetzungen lag der Anteil der Feuerbestattung bei 60 %. Der Anteil unserer Bestattungsalternativen Gräber im Park, Urnengräber an Historischen Grabstellen und Anonyme Rasengräber wiederum lag bei 20 Prozent. Sicherlich wird die Bedeutung dieser Alternativen weiter zunehmen und der Anteil der Erdbestattungen langfristig sinken. 32 Heilbronner Bürger wurden vom Heilbronner Krematorium zur Beisetzung in einen Bestattungswald überführt.

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